Die Gräfinnen - Ein Leseclub |
Startseite | Unsere Bücher | Lesetipps | Kinder- und Jugendbücher | Über uns | Links |
Lenz, Siegfried - Deutschstunde
1. Kurze ZusammenfassungDie Rahmenerzählung beginnt 1952 und endet 1954. Siggi Jepsen, der ICH-Erzähler sitzt in einer Jugendstrafanstalt in Hamburg. Als er eines Tages den Auftrag erhält, in der Deutschstunde einen Aufsatz über "Die Freuden der Pflicht" zu schreiben, fällt ihm eigentlich viel dazu ein. Nur kann er die Gedanken nicht ordnen und gibt ein leeres Heft ab. Jetzt wird er eingeschlossen, bis er diese Aufgabe, nun als Strafaufgabe, erledigt hat. Jetzt beginnen die Worte zu fliessen. Siggi erzählt in lautmalerischen Sätzen, er malt quasi das Bild seiner Kindheit. Er schildert sein Heranwachsen und seinen pflichtbewussten Vater bis ins kleinste Detail. Sein Vater Jens Ole Jepsen, so erfahren wir, wurde als "Polizeiposten von Rugbüll" Opfer der Pflicht. Er gerät im Jahre 1943 (Sigi ist 10 Jahre alt) in einen Konflikt, als er ein Malverbot der Nazis gegen seinen Freund, den Maler Max Ludwig Nansen durchsetzen muss. Nansen hat Jepsen in der Jugend das Leben gerettet und so kommt "der Polizeipsoten" in einen grossen Gewissenskampf, doch das Pflichtbewusstsein ist stärker und die Freundschaft der beiden Männer zerbricht. Von nun an malt der Maler "unsichtbare" Bilder. Siggi ist als Knabe begeistert von Nansen und lässt sich von seinem Vater nicht als Helfershelfer einspannen und rettet sogar einige Bilder vor dem Polististen-Vater. Siggi hilft auch seinem Bruder Klaas, der aus einem Gefangenenlazarett geflohen ist. Vater und Mutter haben ihn verstossen (Pflicht dem Vaterland gegenüber), weil er sich selber verstümmelt hat, um dem Krieg zu entgehen. Siggi bringt Klaas zum Maler. Auch nach dem Krieg kann der Vater, der die Ideologie der Nazis immer mehr verinnerlich hat, nicht von der zwanghaften Verfolgung des Malers lassen. Er verfolgt ihn weiter, Siggi hilft dem Maler und so kommt es zum Eklat: Siggi "rettet" die Bilder Nansens aus einer Ausstellung, was einem Diebstahl gleichkommt. So wird er verurteilt und kommt in die Jugendstrafanstalt.
2. Über den Autor* 17.03.1926 in Lyck (Ostpreussen) Er hat keine gute Schulbildung 1939 Aufnahme in die Hitlerjugend 1943 Abitur erlassen und in die Marine eingezogen Sein Schiff (Admiral Scheer) versinkt, er kommt zur Weiterbildung nach Dänemark. 1945 Studium der Literaturwissenschaft in Hamburg, lebt erst vom Schwarzhandel, später schreibt er für "Die Welt" ab 1951 freier Schriftsteller in Hamburg 1965 / Anfang 70er Jahre arbeitet er im Wahlkampf der SPD 1988 Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Unterrichtet an diversen Universitäten Weitere Infos: http://www.siegfried-lenz.de/
3. Diskussion zum ThemaDie Sitzungsleiterin faltet erstmals eine Karte von Deutschland auseinander. Sie zeigt uns, wo die Geschichte handelt, in Husum, ganz im Norden von Deutschland, in Schleswig-Holstein. Sie verteilt uns eine umfangreiche Dokumentation über das Leben und Werk von Siegried Lenz.
Der Einstieg in dieses Epos fiel den meisten Gräfinnen nicht so leicht. Zäh, langsam nur entwickelt sich die Geschichte. Einige von uns haben das Buch unterschätzt, es braucht viel Geduld und einen langen Atem, um die zum Teil bis ins kleinste Detail beschriebenen Szenen zu lesen.
Gräfin 1: findet, der Autor hat teilweise die Landschaft wie gemalt, exakt und ausführlich, sodass man sich Landschaft und Personen gut vorstellen kann, ja sogar das Meer riecht.
Gräfin 2: wollte das Buch am Strand lesen, das ging jedoch nicht auf, zu anstrengend. Zu Hause dann konnte sie sich mehr darauf einlassen und in Ruhe voranlesen. Bis Seite 350 ging es auch recht flott voran, obwohl sie manchmal fast erschlagen wurde von der Sprache und den ellenlangen Sätzen. Nachher fing es dann zu harzen an, die Geschichte entwickelte sich ohne Perspektiven, traurig und schwer. Anfang und Ende haben sie aber in diesem Roman überzeugt.
Gräfin 3: Sie fand ganz allgemein nicht so den Zugang zu diesem Roman. Alles war ihr zu deprimierend, keine positiven Figuren, nichts Liebliches. Trotzdem fand sie die Geschichte lesenswert.
Gräfin 4: Sie fand zwar die detaillierten Beschreibungen ganz interessant, hatte aber einfach nicht so Interesse an diesem Roman. Sie meinte sogar, sie hätte wohl nicht fertig gelesen, wenn sie nicht gemusst hätte.
Gräfin 5: Begeisterung pur! Sie war in 4 Tagen durch, aber auch sie musste sich zuweilen recht gedulden und besann sich auf „Die Entdeckung der Langsamkeit.“ Carmen fand es toll, wieder mal etwas aus der Weltliteratur zu lesen.
Zusammenfassend kann man sagen, dass es sich gelohnt hat durchzubeißen und der Roman zu Recht Anerkennung und Wohlwollen genießt. Auch leiser Humor und Bissigkeit kommen nicht zu kurz und sind als kleine Zückerlis verstreut.
Zitate:
S. 483 "Damit etwas bleibt, sagte er, muss man es doch nicht wieder sehn; manche Sachen, die muss man erst verlieren, damit man sie besitzen kann ohne Sorge."
S. 386 "Nichts, nicht einmal das Ende verändert euch. Man muss darauf warten, bis ihr ausgestorben seid."
S. 225 "Wo blieb das Sodbrennen? Nie zuvor hatte ich das Sodbrennen ungeduldiger herbeigewünscht, denn ich wollte den Augenblick nutzen um zu verschwinden. Aber das Sodbrennen schien Verspätung zu haben oder schien durch die Bratheringe überhaupt verhindert."
S. 303 "Und er hatte auch Freude an der prompten Unruhe und der quälenden Unsicherheit, die er bei seinem Gegenüber hervorrief, einfach durch die begehrliche art der Erwartung, da musste man aufhören, das Beste von sich zu denken."
Krönchen:
4 x 5 1 x 6 1 x 4
Wie immer endet der Abend bei lebhaftem Gespräch, Kaffee und andere Köstlichkeiten werden serviert. 11.05.2006 |