Die Gräfinnen - Ein Leseclub

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Ian McEwan - Abbitte

 1. Kurze Zusammenfassung

1. Teil: (1935) Im Landhaus Tilney wohnt die Familie Tallis: Die 13-jährige jüngere Tochter, Briony, wächst wie ein Einzelkind auf und widmet sich seit zwei Jahren der Schriftstellerei.


Am Tag der Heimkehr ihres Bruders Leon treffen Brionys Cousine Lola und deren Brüder Jackson und Pierrot in Tilney ein. Weil sich ihre Eltern getrennt haben, sollen sie den Sommer hier verbringen. Briony probt mit ihnen ihr Theaterstück, schliesslich scheitert das Vorhaben aber.


Briony beobachtet Cecilia und Robbie am Brunnen, wie sie sich um eine Vase raufen und Cecilia ihre Kleider abstreift und in den Brunnen steigt. Am Abend überreicht Robbie Briony einen Brief für Cecilia, den diese liest. Später ertappt sie Robbie und Cecilia in der Bibliothek in einer verfänglichen Situation.


Mit Lola stimmt auch etwas nicht. Sie beklagt sich, dass ihre Brüder ihre Arme zerkratzt hätten. Das Abendessen verläuft in angespannter Atmosphäre. Lolas Brüder verlassen den Tisch und hinterlassen eine Nachricht, dass sie wieder nach Hause gehen würden. Eilig schicken sich die Anwesenden an, die zwei Jungen zu suchen. Briony sucht auf eigene Faust.


Im nächtlichen Park sieht sie zwei Personen, die sich sehr nahe sind. Ein Mann rennt davon, zurück bleibt die verstörte Lola. Die Missdeutung von Brionys Beobachtungen des Tages verführt sie zur verhängnisvollen Behauptung, Robbie Turner habe sich an Lola vergriffen.


Als Robbie Turner gegen Morgen mit den Jungen in Tilney auftaucht, erwartet ihn dort bereits die Polizei. (Die Geschehnisse eines einzigen heissen Sommertages erstrecken sich im ersten Teil des Buches über 250 Seiten)


2. Teil: (1940) Diese Zeit verbringt Robbie Turnen wegen angeblicher Vergewaltigung von Lola im Gefängnis. Cecilia, die zu ihm hält, darf ihn nicht besuchen, sie schreiben sich. Nach Verbüssen der Strafe wird Robbie gleich zum Militär eingezogen. Cecilia arbeitet als Krankenschwester in London. Sie hat sich von der Familie distanziert. Robbie erlebt den Krieg in Nordfrankreich beim Rückzug von Dünkirchen mit all seinen Grausamkeiten.


Die inzwischen 18-jährige Briony lässt sich in London zur Krankenpflegerin ausbilden. Mit Hingabe pflegt sie die Verwundeten.


An der Hochzeit von Lola mit Paul Marshall entdeckt Briony, dass dieser der Vergewaltiger war. Nachdem Briony die Adresse ihrer Schwester herausgefunden hat, sucht sie sie auf, um sich mit ihr auszusprechen. Cecilia bleibt unversöhnlich. (Der zweite Teil des Buches handelt ausschliesslich vom Krieg)


3. Teil: (1999) Fast sechzig Jahre später, findet zu Brionys 77. Geburtstag eine Feier statt. Sie ist eine gefeierte Schriftstellerin geworden. In Tilney, inzwischen zu einem Hotel umgebaut, richten die Nachkommen der Cousins ihr Fest aus. „Die Heimsuchung Arabellas“, das seinerzeit für Leon geschriebene Theaterstück, wird aufgeführt. Nach diesem anstrengenden Tag hängt Briony in ihrem Zimmer nun ihren Gedanken nach…

2. Über den Autor/die Autorin

Ian McEwan, *21.06.48, als Sohn eines Berufssoldaten in Aldershot in England geboren, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Libyen. Spezielles Verhältnis zum Vater prägte sein Leben: Vater ist eine „ferne, von einer Besprechung zur nächsten schreitende Gestalt mit Dienstrevolver um die Hüfte“, auch die Mutter wirkt speziell auf ihn: „eine zarte, an Schlaflosigkeit leidende Schönheit, die sich still um jeden sorgte, ausser um sich selbst“.

1960 ging er auf ein Internat in Suffolk, das ihm zunächst nicht gefiel. Sein Vater wurde nach Deutschland versetzt, dort verbrachte er einen wichtigen Teil seiner Pubertät.

Mit 14 sah er die Berliner Mauer, dieser Eindruck liess ihn nie mehr los. Er sagte später: „ich war fassungslos, wie grausam diese Mauer die Stadt zerschnitt.“ Die inspirierte ihn später zu seinem Roman “Unschuldige“.

Er studierte Literatur an der University of Sussex und gewann bereits mit seinem ersten Erzählband einen bedeutenden Preis, den Somerset-Maugham-Preis.

1. Ehe mit Penny Allen, 2 Kinder; lebt nun in 2. Ehe verheirat in London.

Er arbeitet er als Schriftsteller. Sein jüngster Roman »Saturday« nahm die Terroranschläge in London im Juli 2005 vorweg. Er träumt von einer Welt ohne Religion. (Die Zeit)

3. Diskussion zum Thema

Lesevergnügen: Zwiespältige Eindrücke, es war ein seltsames Buch. Den Zugang zur Geschichte fanden einige von uns in der Mitte des 1. Teils, als Robbie Briony den Brief für Cecilia gibt, andere fanden erst im Verlaufe des 2. Teils in die Geschichte hinein. Die Sprache war wunderbar, man fühlte sich zeitweise mitten in der Schlacht, mitten in der Gefahr. Die Geschichte hat sehr verwirrt, hat zum Nachdenken angeregt. Der Schluss ist logisch, hat direkten Zusammenhang mit der Begegnung im zweiten Teil, als sie die Schwester um Verzeihung bat. Es war anspruchsvoll zu lesen.


Stil/Sprache: Spannend ist auch die Form des Buches; es ist keine Rahmenhandlung! Der 1. Teil war quälend, langsam geschrieben. 250 Seiten über einen heissen Sommertag! War das ganze real oder eine Fata Morgana der Vergangenheit?

Die Handlung, wenn überhaupt, ist sehr vage geschrieben. Die Wortwahl begeisterte uns. Der Text packte, alle haben geschwitzt, die aufgeladene Spannung genossen, sie spürten förmlich, was vor sich ging. Der Stimmungsaufbau war gewaltig, aber die dauernden Ankündigungen nervten extrem. Die verschiedenen Perspektiven waren toll, die Personenbeschreibungen super. Man konnte sich aber mit niemandem richtig anfreunden. Krass war, wie er Leute aus einem Erzählfluss heraus Hacken schlagen liess. In einem Nebensatz lässt der Schriftsteller ein paar Worte fallen, die alles in ein anderes Licht rücken, was vorher seitenweise erläutert wurde. Auf einigen kleinen Begebenheiten ist er total herumgeritten, andere hat er gänzlich weggelassen.

Der 2. Teil hat allen sehr gut gefallen und. Die ganze englische Erziehung, die Standesdünkel weichten auf. Aber hier wird man rein gerissen und am Schluss ist man sehr verblüfft in der Gegenwart und bringt erst die ganze Geschichte zusammen.

Im 3. Teil wurde das Lesen immer einfacher, der Stil immer zügiger. Zu Beginn war dieser Teil etwas befremdlich. Aber erst der Schluss gibt allem einen Sinn bringt. Das Ende war deprimierend und machte sehr nachdenklich.


Hauptpersonen:


Briony: (12 / 18 / 77 Jahre alt)
Briony hatte Ordnungsfimmel! Sie ist wie ein Einzelkind aufgewachsen, Mutter hatte oft Migräne, Vater war abwesend, Geschwister am College. Briony will aber alles richtig machen, Lob einheimsen, weil sie sonst kaum zur Kenntnis genommen wird. Es entstand zu Beginn keinerlei Interesse für dieses Mädchen und ihr „Theater“. Eher eine abneigende Haltung ihr gegenüber. Sie will im Mittelpunkt stehen, aber Cousine Lola macht ihr diesen Platz streitig. Durch die Anklage von Robbie rückt sie wieder ins Zentrum des Geschehens. Briony ist unreif und heuchlerisch.

Es ist nachvollziehbar, dass sie alles im Kopf an die richtige Stelle rücken will. Das Kind spürt, dass etwas vor sich geht beim Brunnen, es will diese Intimität nicht. Das passt ihr nicht! Im Theater kann sie die Arabella herum schieben wie sie will. Aber auf Cee und Robbie hat sie keinen Einfluss, sie will aber nicht, dass sie sich näher kommen.

Briony ist die Schriftstellerin des Buches... Dafür schrieb Briony in der Freizeit, und ein Verleger gab ihr eine ausführliche Antwort, ablehnend zwar, aber mit Tipps. Und das war eine Schlüsselstelle. Ab da war klar, dass Briony den Tag 1935 nach Belieben gestaltet haben konnte. Was hatte sie gesehen? Was geschah wirklich? Ist etwas geschehen? Kam Robbie ins Gefängnis oder ging er weg und nachher in den Krieg? Briony führte uns das ganze Buch durch an der Nase herum, sie sagte am Schluss, dass Schriftsteller und Gott sich ähnlich sind „mit uneingeschränkter Macht über das Ende entscheiden“. Briony erinnerte sie an die Figur von Flick aus „Daphne Herbst“, also wieder so ein pubertäres Töchterchen.

3. Teil: Das Alter; sie vergisst nun langsam alles, hat das Leben aber gelebt, keiner hat was mitgekommen von dem, was sie angestellt hat. Andere sehen ihre Schuld nicht. Erst jetzt konnte man sich mit ihr versöhnen. Aber als altersmild konnten wir sie nie empfinden. Zudem erkrankt sie ja an der einzigen Krankheit, die für sie gnädig ist: sie vergisst! (Demenz oder Alzheimer) Wie praktisch, die eigene Schuld vergessen können!

Falls die Geschichte 1935 so stattgefunden hat, versuchte sie im Krieg als Krankenschwester etwas gut zu machen. Dabei hat sie sich aber wieder zelebriert. Es scheint nicht echt, was sie tut.

Cecilia + Robbie: Seinen Gedanken konnten alle am besten folgen, denn er kann Briony nicht verzeihen, was verständlich ist. Daher muss er sterben, meint eine der Gräfinnen. Er ist der Sündenbock für alles. Briony empfindet es so, dass Robbie kommt und ihr die Schwester wegnehmen will. Aber für die Leserinnen war Robbie der Sympathieträger. Dennoch hätte eine Liebesbeziehung zwischen Cee und Robbie gar nicht sein dürfen, er gehörte nicht ihrem Stand an. Auch wenn dieses tragische Ende des Sommertages 1935 nicht gewesen wäre, hätten die beiden kaum zusammen bleiben können. Unüberwindbar wären die Widerstände gewesen. Aber wer weiss: Vielleicht haben Cee und Robbie ja wirklich gelebt aber keinen Kontakt gepflegt?

Warum so ein Theater daraus gemacht wird, dass Robbie im Krieg ist, ist ein Rätsel. Auch wenn er nicht im Gefängnis gewesen wäre, hätte er einrücken müssen. Er wäre nicht um einen Diensteinsatz herum gekommen. Dünkirchen wäre ihm so oder so nicht erspart geblieben. Vielleicht wäre sein Überlebenswille kleiner gewesen, ohne Frau, die auf ihn wartet?

Lola und Paul: Lola und Paul wurden überrascht, und ihre Begegnung von Briony mit Gedanken an die Vorfälle des Tages falsch interpretiert. Sie weist Schuld zu und mischt sich ein. Warum war sie 6 Jahre später nicht zur Hochzeit eingeladen, aber ihre Eltern schon?

Hochzeit: dort begriff Briony, wie die Vergewaltigung ablief. War sie ein Risikofaktor? Oder war sie auch gar nie an der Hochzeit von Lola und Paul?

3. Teil: Die beiden haben es zu Ruhm und Ehre gebracht. (Mit dem Schoko-Riegel, der wie ein roter Faden durch das ganze Buch lief) Sie sind unantastbar.

Mutterfigur: Da wäre mehr drin gewesen, sie wäre mehr wert gewesen, doch sie versteckte sich hinter einem kränklichen Getue.


Was ist die Abbitte?


(Duden: Ạb|bit|te, die; -, -n ‹Pl. selten›: (förmliche) Bitte um Verzeihung: jmdm. A. leisten, schulden; öffentlich A. tun.)

Wir Gräfinnen diskutierten lange und ausführlich, was überhaupt Abbitte ist. In welcher Form hat Briony Abbitte geleistet? Hie eine Sammlung der Meinungen:

- Dieses Buch ist die Abbitte

- Aufopferndes Leben als Pflegerin ist die Abbitte

- Abbitte ist, dass Briony Cee und Robbie ein Leben gibt, das sie durch ihre Schuld verloren haben,

- Abbitte ist, dass Briony dem Liebespaar einen guten Schluss gönnte. Vielleicht hätte es das im richtigen Leben nicht gehabt? (Standesunterschied)

- Abbitte ist, indem sie den Roman der Wahrheit schrieb, aber in ihren Augen ist das misslungen

- sie macht keine Abbitte, weil sie es nur schriftlich macht

- sie nimmt ihr die Abbitte nicht ab, sie zieht es nicht ernsthaft durch.

- sie macht das Versprechen wahr, dass sie seinerzeit Robbie gegeben hat, dass sie alles exakt und wahrheitsgetreu aufschreibt, wie sich alles zugetragen hat. Aber: hat sie das Versprechen überhaupt gegeben? Wenn Robbie in Frankreich gestorben sein soll, wohl kaum!

- Abbitte bedeutet für sie, eine Schuld abzuarbeiten, was Briony nicht getan hat. So ist also der Titel nichts sagend.


Übriges:
Warum erklärte Briony eigentlich niemand, was Sache ist beim Sex? Sie empfand Briony im 2. Teil des Buches als sehr aufopfernd. Der Titel sagt ihr nichts, für sie ist Abbitte die falsche Wahl. Der Schriftsteller hat Macht über das Geschehen und macht alles so, wie er will. Der Schluss des Buches gefiel ihr sehr gut, weil er das Buch wieder aufmacht und Interpretationen zulässt.


Was ist wahr?

Vielleicht gibt es dieses Buch gar nicht?

Es ist ja eh nicht von Briony, sondern von Ian McEwan geschrieben worden! Briony ist Kunstfigur! ;-)

Lieblingszitate:


Beni S. 53: „Wann wusste der Finger, dass er sich bewegen sollte, wann wusste sie, das sie ihn bewegen wollte? Sich selbst zu überlisten war unmöglich.“


Christa S. 169 „…schlug den Gästen schon beim Eintritt ein warmes Staubaroma aus den Perserteppichen entgegen. Zum glück hatte wenigstens der Fischhändler, der die Vorspeise, einen Krabbensalat, bringen sollte mit seinem Wagen eine Panne gehabt.“


Eveline. S. 232 „Wie Schuldgefühle doch die Selbstfolter verschärften, wie sie die Einzelheiten gleich Perlen auf eine Endlosschleife zogen, die man sein Leben lang wie einen Rosenkranz befingerte.“


Carmen S. 271 „Noch während sich die Kluft zwischen ihnen weitete, begriffen sie, wie sehr sie in ihren Briefen sich selbst überholt hatten.“


Marina S. 311 „Gewiss, sie war damals ein Kind gewesen, aber e konnte ihr nicht verzeihen. Er würde ihr niemals verzeihen.“


Petra S. 495 Oder sagen wir, ich habe einen riesigen Umweg gemacht, um wieder an die Stelle zu kommen, von der aus ich losgezogen bin.“

Krönchen:

3x4 / 3x5

Durchschnitt. 4,5

4. Zum Weiterlesen

Liebeswahn, 1998 Roman. Diogenes TB, ISBN: 3257231628
Der Zementgarten, 1978 Roman. Diogenes TB, ISBN: 3-257-20648
-8

 

29.05.2007