Die Gräfinnen - Ein Leseclub |
Startseite | Unsere Bücher | Lesetipps | Kinder- und Jugendbücher | Über uns | Links |
Herta Müller - Herztier |
| 1953 | Herta Müller wurde am 17. August 1953 in Nitzkydorf im Banat (Rumänien) geboren. Sie wuchs in einer deutschspracheigen Familie auf .Ihr Vater war im 2. Weltkrieg in der SS. Ihre Mutter musste von 1945 – 1950 Zwangsarbeit in der UdSSR leisten. |
| 72 - 76 | Studium an der Universität Temeschvar; Germanistik und Romanistik |
| ab 76 | Deutschlehrerin und Übersetzerin für technische Beschreibungen |
| 1979 | Entlassung, weil sie nicht andere für Securitate bespitzeln wollte |
| 1982 | Debütroman „Niederungen“, wurde in zensierter Verfassung in Rumänien und später in Originalfassung in der BRD veröffentlicht |
| 1987 | Ausreise mit Ehemann Richard Wagner nach Westberlin |
| 1989 | Ricarda-Huch-Preis und Marieluise-Fleißer-Preis |
| 1991 | Kranichsteiner Literaturpreis |
| 1994 | Kleist-Literaturpreis |
| 2009 | Literaturnobelpreis |
Gräfin 1:
Warum dieses Buch? Sie ging in den Stocker und hatte 2 Kriterien für die Auswahl: Es muss 6 Stück haben und es muss dünn sein. Es war für sie das einzige Buch, das sie nebst Fachliteratur las! Es ist zwar spannend, aber vor allem gewann Herta Müller den Nobelpreis 2009. Die Gründe dafür sind ihr schleierhaft. Das Buch ist nicht neu, es kam bereits 1994 heraus. Es beschreibt eindrücklich das Zeitgeschehen und wurde von einer Fachjury bewertet. Sie hat sich mit lesen schwer getan, sie liest nicht gerne politische Themen, ausserdem ist der europäische Osten und dieser Zeitraum für sie nicht sonderlich von Interesse.
Trotz innerem Widerstand ging ihr die Lektüre dann relativ glatt. Eigentlich war’s ja noch spannend, sich auf ihren Schreibstil und ihren Takt einzulassen. Irgendwann ist man in der Geschichte drin. Sehr viel ist autobiographisch. Herta Müller erzählt fast ihre eigene Geschichte. Sie musste also diesen Stil wählen. Es muss schon hart sein, auf so ein Leben zurückzublicken, deshalb wählte sie wohl diesen abstrakten, distanzierten Schreibstil. Inhaltlich ging’s um Horror, Terror, eine triste deprimierende Geschichte von Anfang bis zum Schluss. Es war bedrückend zu lesen, aber dennoch immer wieder faszinierend.
Die Psychologie: Herta Müller war von der Polizei verfolgt worden, weil sie nicht spitzeln wollte. Das löste auch in Gräfin 1 Gedanken aus: Hätte sie sich anders verhalten und für die Polizei geschnüffelt um dafür Ruhe zu haben? Hätte sie nein sagen können? Die schwierige politische Situation in den 70er und 80er Jahren damals in Osteuropa. Dennoch: Warum dieser Literaturpreis?
Gräfin 2: Sie hatte Mühe, hineinzukommen. Da erfand sie für sich eine Strategie: sie zeichnete alle Zitate an, die guten, die schlechten und die schrägen an. Sie jagte also Aussagen um im Buch vorwärts zu kommen. So kam sie auf viele Sachen und nahm den Rhythmus an. Sie hat mit dem Buch gearbeitet. Sie bemerkte die Metaphern: „schlechtes Gewissen“ = Pflanzen / „Sack“ = Tod
Durch die repetitiven Motive auch in der Sprache wird gezeigt, dass es nur ein begrenztes Angebot gab. So kam die Hoffnungslosigkeit zum Ausdruck.
Das Buch gefiel ihr zunehmend besser, sie sah am Schluss nochmals die Zitate durch und bemerkte den Charme, die Eigenständigkeit, das war die Welt, in der Herta Müller aufgewachsen war. So wie H. M. war damals das ganze Land geschüttelt worden. Wer nicht tat wie er sollte, war suspekt.
Als ICH-Erzählerin bleibt sie dennoch unpersönlich, ja sogar unbeteiligt. H. M. wächst einem nicht ans Herz. Sie gefiel und stiess gleichzeitig ab. Gräfin 2 ist froh, dass sie das Buch gelesen hat. Am Schluss war das Ganze ein AHA-Erlebnis!
Gräfin 3: Auch sie hatte am Anfang Mühe und fand es extrem schräg. Alle Sätze wirkten konstruiert. Mit der Zeit fand sie aber in den Sprachstil herein und passte sich dem Rhythmus an. Es sind nicht komplizierte Sätze, aber vielleicht war grad die Einfachheit, die es einem so schwierig machte? Sie packte viel in die Aussagen hinein. Die Geschichte war düster, schwer, aber trotzdem ein farbiges Buch. Herta Müller schaffte es, die Plätze eindringlich zu beschreiben. Alle Personen sah man vor sich, ausser die ICH-Erzählerin! Sie kam fast nicht vor. Die Bilder zum Buch werden wohl noch lange bleiben, sie waren sehr eindringlich. Sie dachte daran, das gibt ein super Buch… aber der Schluss war dann eine Effekthascherei mit der Endlosschlaufe. Gräfin 3 war erstaunt, weil die Nachhaltigkeit so gering war. Sie las das Buch einige Zeit vor der Sitzung und es blieb so wenig übrig nach diesen paar Wochen. Das gibt Abzug in der Bewertung.
Gräfin 4: von Anfang bis Schluss hat sie den Faden nicht gefunden. Sie hatte nie Zugang zum Buch. Zwar waren es einfache Sätze, aber sie sagten ihr nichts. Warum bloss erhielt sie den Nobelpreis? Das ist ihr ein Rätsel. Im Nachhinein fragt sich Gräfin 4, ob sie das Buch nochmals von vorne hätte lesen sollen, das Ganze ein zweites Mal beginnen. Die Szene mit dem Blut trinken fand sie nicht grausig, weil die Schwinger das manchmal auch machen um zusätzlich zu Kräften zu kommen. Die Geschichte des Buches könnte sie weder zusammenfassen noch würde sie die Lektüre weiterempfehlen. Aber es hat ihr doch viel gegeben, dass wir darüber gesprochen haben. Sie hat nun einen anderen Zugang gefunden.
Gräfin 5: Sie hatte extrem Mühe mit dem unrhythmischen Stil. Sie schüttelte den Kopf beim Lesen. Die Sätze waren kurz und prägnant. Oft hat sie zurückgeblättert und gedachte, vielleicht sei sie zu blöd für das Buch? Mit der Zeit wurde es besser, auch sie gewähnte sich an den Schreibstil von Herta Müller. So tastete sie sich langsam an die Geschichte heran. Nun konnte sie fliessend lesen. Dennoch – sie würde das Buch nicht weitergeben oder empfehlen. Es hat sie zu wenig überzeugt. Jeder zweite Satz enthält eine Metapher. Die Sätze waren zu extrem, sie konnte den Text nie geniessen. Ein Horror. Die Sprache war gewaltig und gewalttätig. Sie konnte mit den Sätzen viel auf den Punkt bringen. Vielleicht entwickelt diese Lebensform diesen Sprachstil? Seltsam unberührt von der ICH-Erzählerin.
Gräfin 6: Sie hatte extrem Mühe, liest sonst jeden Stil. Sie machte sich einen Spass daraus, Zitate anzustreichen. Es hätte beim Lesen geholfen, die Biographie von Herta Müller im Voraus zu kennen. Die Schriftstellerin hat einen Knall in ihren Augen, Verfolgungswahn!
Die Metaphern kamen ihr zu oft, es war alles in allem zu repetitiv. So fühlte sie sich als Leserin nicht ganz ernst genommen. Sie mag das nicht, wenn dauernd alles wiederholt wird. So wird sie ungeduldig beim lesen. Jeder 4. Satz ist sinnlos. Sie vergleicht das Buch mit moderner Kunst, die sie eben auch nicht versteht.
Das Buch hat sie nicht interessiert. Obwohl sie den Sturz des Ceauşescu-Regimeeng mit verfolgt hat, und sich als politischen Menschen empfindet, konnte sie das Buch und die Geschichte darin in keiner Weise fesseln. Für sie war die Lektüre nicht nachhaltig. Das Positive war, dass sie sich an den zum Teil abstrusen Sätzen und Aussagen amüsieren konnte. Aber ob das im Sinn der Schriftstellerin ist? Das Buch machte sie fast verrückt.
Krönchen: (Durchschnitt: 4)
Gräfin 2: 6 / Gräfin 1: 5 / Gräfin 3: 5 / Gräfin 5: 3 / Gräfin 6: 2 / Gräfin 4: 2
Zitate:
Gräfin 2: (S. 44) „Er wartet noch auf die Wahrheit, er spürt, dass ich im Reden schweige.“
Gräfin 1: (S 71) „Wie müsste man leben, dachte ich mir, um zu dem, was man gerade denkt, zu passen.“
Gräfin 6: (S. 157) „Er liess Tereza im Stich, damit sie nicht aus seinem Leben wegstirbt.“
Gräfin 3: (S. 171) „Mist ist ein Halt, wenn Verlorenheit schon Gewohnheit ist“
Gräfin 4: (S. 187) „Wenn ich eine Uhr an mir habe, weiss ich besser, wo ich dran bin, sagte sie, auch wenn sie nicht geht.“
„Atemschaukel“
Wir danken der Gastgeberin für den feinen Znacht. Die Suppe war ausgezeichnet. Wie immer genossen wir das Zusammensein und das leckere Essen mit dem Glas Wein.
Als nächstes Buch schlägt die Gräfin „Grieche sucht Griechin“ vor, von Friedrich Dürrenmatt.
Nächster Termin am 29. April, 19.00 Uhr bei ihr daheim.
03.02.2010